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Tod allen Fanatikern!!!

Der Europaabgeordnete und Satiriker Martin Sonneborn im Ernschtle-Exklusiv-Interview

Martin Sonneborn ist so völlig anders als die anderen Europaabgeordneten. Freundlich, entspannt und überhaupt nicht abgehoben, empfängt er uns vor dem Europaparlament in Brüssel. Mit dabei ist sein überaus netter Büroleiter Dustin Hoffmann (kein Scherz), über den wir vorher schon Kontakt wegen des Interviews hatten, das wir im Anschluss an ein schnelles Gruppenbild führen sollten. Wir scherzen ein wenig und dann geht es auch schon durch Sicherheitskontrollen. Kurz danach sitzen wir im sehr schönen Abgeordneten-Café. An den anderen Tischen sitzen andere Abgeordnete mit anderen Journalisten. Oder Lobbyisten, wir wissen es nicht genau. Martin Sonneborn lädt uns zu Getränken ein („Schlagt zu. Das zahlt alles der Steuerzahler.“) und kurz danach sind wir mittendrin in einem so interessanten wie spaßigen Gespräch über die EU, Populisten für Dumme und natürlich Brüssel. Lest hier unser Interview mit Martin Sonneborn, Europaabgeordneter, Vorsitzender der Partei „Die Partei“ und Herausgeber des Satire-Magazins „Titanic“.

Das schöne Göttingen oder Brüssel?

Also schöner ist natürlich Göttingen, das hat eine nette Altstadt. Dort habe ich als Kleinkind einige Jahre verbracht. Brüssel ist eher interessant, weil es so hässlich ist. Und es gibt die belgische Architektur, die sehr interessant ist. Es gibt Unterschiede zu Deutschland: Wenn man in Deutschland ein Dach ausbauen will, dann geht man zum Amt und dann sagen sie einem, ja, sie können das gerne machen aber unter der Voraussetzung, dass es genau so aussehen muss wie das Dach des Nachbern. Wenn du in Brüssel ein Dach ausbauen möchtest, dann sagen sie ,,okay kannst du machen‘‘ aber es darf nicht so aussehen wie das Dach vom Nachbarn. So sieht alles viel Interessanter und etwas abgefuckter aus, das mag ich irgendwie auch. Wir haben hier in Brüssel aber auch große Problemviertel. Es hat sich zwar als übertrieben erwiesen, dass man dort sofort ausgeraubt wird, aber es gibt hier natürlich schon einen großen Kontrast von sehr gut verdienenden Europabeamten und Abgeordneten auf der einen und armen Schluckern auf der anderen Seite. Leute, die ihre Miete nicht bezahlen können und unter ganz anderen Bedingungen als ihr oder ich leben. Also alles viel interessanter hier. Das sollte man mit ja oder nein antworten, oder? (alle lachen)

Was mögen Sie mehr, Pommes oder Waffeln?

Pommfrit! Also belgisch auf jeden Fall. Die sind zweimal gebacken und die Mayonnaise hat einen viel höheren Fettgehalt hier. Die besten Pommesbuden sind am Place Flagey und am Place Jourdan . Da ging auch die Merkel Pommes essen. Und Beatrix von Stolch von der verfxxxten AfD wurde da mal fotografiert als sie einen Döner gegessen hat. Da müsst ihr noch hin, so lange ihr in Brüssel seid.

Satire oder Politik?

Das kann ich nicht beantworten. Es ist eigentlich keine „oder“ Frage, weil wir hier seit fast 10 Jahren Politik mit satirischen Mitteln betreiben. Es ist also eigentlich eine Mischung aus beidem. 

Schluss mit entweder-oder-Fragen. Hätten sie vor 20 Jahren damit gerechnet, dass sie einmal eine politische Karriere hinlegen werden? 

Ich freue mich sehr, dass ihr das als politische Karriere bezeichnet. Ich gehöre hier zum Abschaum des Parlaments (alle lachen). Ich sitze in der letzten Reihe. Am Wahltag 2014 hatte ich selbst nicht damit gerechnet, dass wir tatsächlich mehr als 0,6% bekommen würden, nicht wir als sogenannte Spaßpartei. Dass ich wirklich nach Brüssel musste, das kam vollkommen überraschend. Das war dann natürlich auch sehr spannend aber auch nicht ganz einfach, denn ich müsste ja auch für mich eine neue Position finden. Vorher haben wir immer aggressive Satire gemacht und plötzlich wurde ich aus Steuermitteln bezahlt und war Parlamentarier. Ich glaube, wir haben eine ganz gute Möglichkeit gefunden, damit umzugehen. 

Sie sind Vorsitzender von „Die Partei“, bekannt für aufsehenerregende Aktionen und krasse Plakate. Welches hat ihnen persönlich am besten gefallen?

Ja, da gibt es ein paar ganz gelungene… Mir kommt gerade ein Plakat in den Sinn: Tod allen Fanatikern, mit drei oder vier Ausrufezeichen. Das ist lustig, weil es gut in die heutige Zeit passt. Diskussionen im Netz werden heute immer gleich so aggressiv und alles muss immer mit der Vernichtung anderer enden. Das Thema hat unser Plakat ganz gut aufgegriffen, finde ich. Wir haben ganz viele lustige Aktionen gemacht. Einmal haben wir die Mauer wieder aufgebaut bei Phillipsthal in Thüringen, also zwischen Ost und West, ein richtiges Stück Mauer über eine Straße. Eine weitere lustige Auktion gab es, als die iPads aufkamen. Das war, glaube ich, meine Lieblingsaktion. Da sind wir vors Brandenburger Tor gezogen mit 40 iPads und einem Großbildschirm. Vorher hatten wir eine Homepage gebastelt und haben im Netz zu einer Demo gegen Merkel aufgerufen. Die Leute konnten ihren Protest an Frau Merkel mailen und wir haben dann über Stunden da gestanden und mit einem Megafon die Forderungen verlesen. Insgesamt sind fast zehntausend Forderungen eingegangen. Die Hälfte war unseriös, drehte sich ums Biertrinken oder die FDP.

Sie kritisieren ja gerne diesen und jeden. Gibt es denn auch Politiker, die sie loben können?

Ja. Es gibt hier eine Lieblingspolitikerin, die ich habe, die heißt Clare Daly. Das ist eine linksradikale Irin, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Sie ist so etwas wie das gute Gewissen des europäischen Parlaments. Sie ist gegen Aufrüstung, gegen Kriegsbeteiligung und gegen die vielen Verträge, die hier gebrochen werden. Ihre Reden im Netz sind wirklich sehenswert. Gut finde ich auch Mick Wallace. Der sieht aus wie Jesus und kommt auch aus Irland.

Ihre Reden sind aber auch legendär. Welches Thema/Debatte würden sie als nächstes gerne ins EU Parlament einbringen?

Es gibt Klagen gegen Frau Von der ähm Leyen, weil sie zu Coronazeiten mit Pfizer Verträge ausgehandelt hat. Als Kommissionspräsidenten darf sie das aber nicht. Diese wurden per SMS verhandelt. Es laufen mehrere Anzeigen gegen sie, eine immerhin von der  New York Times haben. Die europäische Staatsanwaltschaft hat dieses Verfahren an sich gezogen und verschleppt es bis nach der EU-Wahl im Juni. Das Thema würde ich dann doch gerne sehr behandelt haben und Frau Von der ähm Leyen ein paar Fragen dazu stellen.

Mit welchem Lobbyisten gehen sie am liebsten essen?

Ich bekomme leider keine Einladungen mehr in letzter Zeit. (alle lachen) Ich bin mal von der Firma Huawei eingeladen worden. In den Kellern des Europäischen Parlamentes gibt es Räume, die Firmen mieten können und dann, in der ersten Legislaturperiode war das, bin ich halt mal da hingegangen. Es kam eine sehr freundliche junge Chinesin, die sich den ganzen Abend liebevoll um mich gekümmert und mich mit Champagner abgefüllt hat. Es gab irgendwelche Häppchen, und dann wurde ich gefragt ob ich vor eine Kamera kommen könnte, um zwei Fragen zu beantworten, das habe ich natürlich gemacht. Die erste Frage war, für wie wichtig ich Kommunikation halten würde. Ich habe geantwortet „sehr wichtig!“ Die zweite Frage war, ob ich mich dafür einsetzen würde, dass die Firma Huawei in Europa Geschäfte betreiben kann und da habe ich gesagt: „So lange ich hier in der Europäischen Union etwas zu sagen habe, kriegt kein Chinese hier auch nur einen Fuß in die Tür.“ Danach bin ich nie wieder eingeladen worden. Das hat nichts damit zu tun, dass ich ein negatives China Bild hätte, das muss man ich noch dazu sagen, weil das heute sonst missverstanden wird. Ich habe mein Abo der Süddeutschen Zeitung gekündigt, weil mir aufgefallen ist, dass ich seit fünf Jahre keinen einzigen Artikel gelesen habe, der positiv über China berichtet hat. Ich bin der Überzeugung, dass wir in einer Welt friedlich leben und Handel treiben sollten. Dieses China Bashing, das momentan betrieben wird, gefällt mir gar nicht. Da ging hier nur um Huawei.

Wenn die Antwort „die AfD“ ist, wie war dann die Frage?

Wer hat es besser gemacht als „Die Partei“? (alle lachen) Wir sind beide populistische Protestparteien. Wir allerdings für intelligentere Wähler. „Die Partei“ wurde 2004 gegründet, weil wir selber nicht mehr wussten, was wir wählen sollten. Es standen Bundestagswahlen an und wir saßen damals in der Redaktion in Frankfurt und wussten es einfach nicht Ich kann nicht konservativ wählen, weil Konservative keine soziale Politik betreiben. Ich kann die SPD nicht wählen, weil sie nicht mehr für sozialdemokratische Politik steht. Die Grünen galten mal als Idealisten, jedoch haben diese sich mittlerweile komplett entzaubert. Die Linke gab es damals noch nicht. Also wir hatten wirklich keine andere Wahl als eine eigene Partei zu gründen. Die AfD macht später etwas ähnliches. Wir haben das Land quasi untereinander aufgeteilt: Die Intelligenten wählen „die Partei“, wenn sie Protest zeigen wollen, und die Dummen die AfD. Dass diese mal an uns vorbeiziehen und wesentlich mehr Prozente erzielen würden als wir, jetzt im Osten sogar bei 30% stehen, dass das tut mir weh. Ich bin selbst Bundesvorsitzender in einer absolut populistischen Partei. Eine Partei ohne Inhalte, die billigen Populismus betreibt. Die AfD macht das wesentlich effektiver.

Was braucht es um die AfD zu stoppen?

Zwei Dinge: Erstens eine funktionierende Linke, Stichwort ,,Bündnis Sarah Wagenknecht“. Wenn ich es den Zeitungen richtig entnommen habe, gibt es ein Potential von 10-15% an nationalistischen Wählern. Dies hat seine Ursachen darin, dass wir die den Osten, die ehem. DDR, komplett über den Tisch gezogen haben. Wir haben ihre Schulzeugnisse abgewertet, ihre Uni Zeugnisse. Wir haben ihnen ihre Häuser genommen, wir haben ihnen ihre Geschichte genommen. Es gibt in den Führungspositionen in Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst und Kultur vielleicht 3% Ostdeutsche. Wir haben da sehr viel falsch gemacht und man hätte früher sehen können, dass das nicht ewig so gehen wird. Eine funktionierende Linkspartei als Protestpartei wäre eine Möglichkeit, AfD Wähler anzusprechen, die aus Protest wählen, aber „die Partei“ nicht kennen oder wählen. Zweitens braucht es keine Diskussion, um ein AfD Verbotsverfahren geben. Ich bin kein Jurist, aber ich halte es für hochproblematisch, in einer Demokratie eine Partei zu verbieten. Ich glaube, das ist eine populistische Aktion von Regierungsparteien und dass alle eigentlich von dieser Situation profitieren. Die Regierung hat ein Diskussionsthema, um Leute auf die Straßen zu treiben. Es gibt nur wenig Möglichkeiten, diese Partei einfach so zu verbieten. Man muss sich mit ihnen auseinandersetzen.

Könnten die Wähler, die einfachen Bürger, nicht auch irgendwie hinarbeiten um den Aufstieg der AfD zu stoppen?

Ja. Sie könnten sie ganz einfach nicht wählen. Also ich halte nichts von diesen großen Demonstrationen und wunderte mich auch ein bisschen, dass so viele Leute auf den Straßen waren. Es gibt im Moment eine pädagogische Haltung in den Medien und der Politik. Ich hab mir den Spiegel Newsletter bestellt und las jeden Morgen „lasst euch impfen“ oder „wir müssen Marschflugkörper in die Ukraine schicken“. Und jetzt lese ich „wir müssen die Afd verbieten“ oder „die Leute müssen auf die Straßen“. Ich glaube einfach, dass die Regierung eine bessere Politik betreiben muss und die Bürger sich konsequenter mit dem Thema auseinandersetzen müssen.

Sie bringen bald ihr zweites Buch heraus. Sind sie im Sommer denn dann immer noch Europaabgeordneter? Was denken sie dazu?

Gute Frage. Ich habe gerade Umfragen gesehen, da liegen wir bei 1,5 Prozent und ich hoffe das wir 1,6 Prozent schaffen, denn dann würden wir hier mit zwei Abgeordneten einziehen. Die Deutsch-Schweizer Schriftstellerin Sibylle Berg steht ja bei uns auf der Liste an Nummer zwei. Ihr werdet sie wahrscheinlich nicht kennen, aber eure Eltern vielleicht. Das ist eine kluge, alte weiße Frau, die antikapitalistisch denkt. Das Parlament krankt im Großen und Ganzen daran, dass wir eine ganz große Menge von konservativen Abgeordneten haben, die praktisch alles tun, was die großen Konzerne möchten und ihnen die Bedingungen erleichtern. Es fehlt hier an linken, an humanistischen und sozial orientierten Abgeordneten und Sibylle Berg wäre eine solche. Sie ist klug, analytisch, kennt sich in der EU gut aus und ist sarkastisch und lustig. Wenn wir den Einzug schaffen, ist die Stimmung hier wie bei Euch in der letzten Reihe, wenn der Lehrer gerade mal raus ist.

Zum Abschluss würde ich dann noch gerne wissen, ob sie noch ein Tipp für Sarah Wagenknecht Wahlkampf Team haben?

Ja. Sie sollen Fabio De Masi rausschmeißen. Das ist ihr bester Mann für Europa und der wird uns bestimmt ein paar Stimmen kosten. Wir stehen im Ruf auch so ein bisschen Transparenz herzustellen und Kritik nach außen zu tragen, Dinge die von den großen Parteien hier  nicht kritisiert werden. De Masi ist einfach ein wahnsinnig effektiver und kluger Kopf. Er war vor drei Wochen hier als Gast und hat erklärt, was in Deutschland gerade falsch läuft. Das Video steht auf meiner YouTube-Seite und ist recht aufschlussreich.

Wir bedanken uns für das Interview, es war sehr lustig mit ihnen…

Ich bedanke mich für Euer Interesse. Das ist größer als in den etablierten Medien, die sich oftmals darauf beschränken, die Pressemitteilungen der EU-Kommission abzudrucken. Prost!

leonard@ernschtle.de

Mein Name ist Leonard und ich gehe in die 8. Klasse. Das ist mein erstes Jahr in der Schülerzeitung und ich freue mich sehr auf die Arbeit im Team. Ich bin ins Ernschtle gegangen, weil ich sehr kreativ bin. In meiner Freizeit spiele ich Fußball und Basketball und ich zocke gerne. Als kleines Kind habe ich immer statt schlafen „fafen“ gesagt.

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