Das für 2020 ist soeben bekanntgegeben worden: „Corona-Diktatur“.

Das Jahr 2020 war ein Jahr voller Veränderungen, Einschränkungen und Überraschungen, meist negativer Art. Mit jedem neuen Jahr kommen gleichzeitig neue Hürden und Ungewissheiten, denen man sich stellen muss, um stärker und größer aus der Sache rauszukommen. Aus den Jahren zuvor haben sich Begriffe und Themen wie die Flüchtlingskrise oder der Klimawandel in unseren Köpfen verankert. Das letzte Jahr wird uns für immer an die „Corona-Pandemie“ erinnern. Demnach ist es auf keinen Fall verwunderlich, dass auch das diesjährige Un-Wort des Jahres etwas mit dem Dauerthema Corona zu tun hat: „Corona-Diktatur“.


Das Unwort des Jahres bezieht sich anders als in den letzten Jahren nicht auf sein häufiges Auftreten oder die prägende Bedeutung dessen, sondern viel eher auf seine unangemessene und menschenunwürdige Bezeichnung. Das Wort „Corona-Diktatur“ wurde vor allem auf Querdenker-Demos und von rechten Aktivisten eingesetzt. Ein Großteil der Menschen im Netz wehrt sich gegen solche Bezeichnungen und das auch zurecht. Denn wir alle wissen, dass es nicht in Ordnung ist, Diktatur, ein großer Fehler aus der Vergangenheit, der vieler unserer Vorfahren das Leben gekostet hat, mit unserer jetzigen Situation zu vergleichen. Doch vor allem ist es auch ungerecht gegenüber den Menschen, die bis heute noch in einem diktatorischen Staat leben müssen, unsere Freiheiten und Rechte mit ihren gegenüber zu stellen. Während es der Bevölkerung in Nordkorea oder Weißrussland an jeglicher Form von Freiheit fehlt, die stattdessen unter Überwachung, Verfolgung und sogar Hinrichtungen leiden, sieht bei uns ein Teil der Bevölkerung die aktuellen Schutzmaßnahmen als „Diktatur“ an. Als ob man das Tragen von Atemschutzmasken oder das Einhalten der Kontaktbeschränkungen mit Folter und Tod vergleichen könnte.

Schon seit 1991 wird das Unwort des Jahres bekanntgegeben. Aus welchem Grund existiert jedoch eine solche Liste unschöner Bezeichnungen? Nun, der Grund für ihre Existenz ist, dass dadurch die Möglichkeit besteht, auf diskriminierende und respektlose Wortbildungen aufmerksam zu machen. Mit diesem Grundgedanken erfand der Sprachwissenschaftler Horst Dieter die „Liste mit den unschönen Wörtern“. Wer selbst einen Einfluss auf die Wahl der Wörter haben möchte, kann selbstverständlich mit abstimmen und der Jury, die sich aus Sprachwissenschaftlern und Journalisten zusammensetzt, bei ihrer Entscheidung helfen. Im letzten Jahr fand die Wahl bereits zum 29. Mal statt. Auch wenn das kein Jubiläumsjahr war, wurde zum ersten Mal in der Geschichte des Wettbewerbs sogar ein zweites Unwort des Jahres ausgewählt: „Rückführungspatenschaft“. In so einem verrückten Jahr gab es wohl auch zu viele verrückte bzw. unpassende Wörter, zwischen denen man keine Entscheidung treffen konnte.

„Ausländerfrei“ war DAS Unwort 1991, mit dem die Tradition ihren Lauf nahm. 30 Jahre später ist es immer noch eine unangebrachte Äußerung, die man im Alltag nicht gerne hört. Es ist somit ein gutes Beispiel dafür, dass menschenfeindliche Begrifflichkeiten auch über Jahre hinweg das bleiben, was sie sind: Unwörter! Diese Liste ist für uns alle von großem Nutzen, denn sie lässt uns nicht vergessen, zu welchen verbalen Bosheiten wir Menschen in der Lage sind. Es bleibt spannend, welches das Unwort 2021 sein wird. Doch bis dahin hat man noch genug Zeit, um sich mal die Unwörter der Jahre zuvor genauer anzuschauen. Ein wirklich interessanter Rückblick auf das, was in Deutschland bzw. der Welt so passiert ist.

Text: Selin Özarslan und Viola Reichel
Bild: Marc Gruber